Ukrainisch -türkischer Schüleraustausch

Als der Regionalbeauftragte Dr.Harmgardt (BVA) dem Direktor des Selwinskij-Gymnasiums bei seinem Besuch auf der Krim ein Jahrbuch des Deutschen Auslandsschulwesens als Geschenk überreichte, konnte er nicht ahnen, dass er damit den entscheidenden Anstoß für ein außergewöhnliches „trilaterales“ Schulprojekt gab: Einen Schüleraustausch zwischen einem ukrainischen und einem türkischen Gymnasium, initiiert und geleitet von deutschen Auslandslehrkräften und getragen von der gemeinsam erlernten deutschen Sprache. Beim Durchblättern fiel uns nämlich auf, dass es auf der anderen Seite des Schwarzen Meers auch eine Reihe von Sprachdiplomschulen gibt.

Warum also immer fast 3000 km mit dem Bus nach Ludwigsburg oder Gotha reisen, wenn es in nur 500km Entfernung, in einer der faszinierendsten Städte der Welt, auch Zentren der deutschen Sprache gibt? Könnte man nicht viel Zeit und Geld sparen und einen Schüleraustausch organisieren, bei dem die Schüler die Bedeutung des Deutschen als völkerverbindende Verkehrssprache selbst erfahren und erleben können? Könnte man nicht gleichzeitig eine andere, bisher so fremde Kultur und eine der lebendigsten Städte der Welt kennen lernen und ein wenig zum Bau eines vereinten Europas beitragen?

Angetan von der gemeinsamen Idee machte ich mich an die Arbeit. Der neue FBK in Odessa konnte als ausgewiesener Türkeiexperte das renommierte Istanbul Lisesi empfehlen, eine der besten Schulen des Landes. Es folgten eine erste E-Mail, ein persönlicher Besuch, einige Telefonate und tatsächlich - die berühmte Eliteschule am Bosporus schien Interesse an dieser ungewöhnlichen Partnerschaft mit uns zu haben.

Vage wurde verabredet, dass eine ukrainische Schülergruppe im Herbst 2005 den ersten Besuch machen sollte. Danach würde man weiter sehen. Jetzt hieß es schnell Schüler und Eltern zu mobilisieren. Dies musste unbedingt noch im Frühjahr passieren, denn viele Familien können im Kur- und Erholungsort Jewpatoria nur im Sommer das nötige Geld beiseite legen. Und außerdem liegt die Bearbeitungszeit für ukrainische Reisepässe bei mehr als drei Monaten. Bei der ersten Elternversammlung wurde auch schnell deutlich, wie sinnvoll diese Partnerschaft sein könnte, denn über den islamischen Nachbarn im Süden war außer vielen fest verwurzelten Vorurteilen so gut wie nichts bekannt. Und so bedurfte es einiger Überredungskünste, um den Eltern die reichlich vorhandenen Ängste und Befürchtungen zu nehmen. Nach den Sommerferien konnte man sich endlich auf einen konkreten Termin einigen. Gleich nach dem Ende des Ramadan sollte es losgehen, und Allah würde bestimmt auch noch im November für gutes Wetter sorgen.

Wie ungewöhnlich das ganze Vorhaben war, zeigte auch die Intervention des ukrainischen Geheimdienstes, der sich plötzlich sehr für unsere Reise interessierte. Dort konnte man einfach nicht verstehen, was eine ukrainische Schülergruppe geleitet von einem deutschen Lehrer an einer türkischen Schule zu suchen hat. Welche perfide Art der Spionage steckte wohl dahinter? Das ganze Projekt schien zu platzen und erst nach langem Hin und Her gab es in letzter Minute die Genehmigung zur Ausreise.

Am 09.November 2005 machten sich dann tatsächlich 13 Schüler und zwei Lehrer aus Jewpatoria auf den Weg nach Istanbul, zum ersten ukrainisch-türkischen Schüleraustausch in deutscher Sprache. Dort begegnete man nicht nur einer Gastfreundschaft, die alle Erwartungen übertraf. Man entdeckte auch viele Gemeinsamkeiten der beiden Kulturen, war beeindruckt von der prächtigen Schule und dem türkischen Patriotismus, lief staunend durch die atemberaubende Stadt, genoss ein abwechslungsreiches Kulturprogramm und vieles mehr. Nach 10 Tagen und einem tränenreichen Abschied kamen die Schüler mit mannigfaltigen und unvergesslichen Eindrücken zurück auf die Krim. Sie hatten viele neue Freunde gewonnen und dabei eindrucksvoll erfahren, dass die deutsche Sprache auch in der Türkei einen hohen Stellen- und Gebrauchswert hat. Vor allem aber hatten sie eine neue Kultur kennen und schätzen gelernt und das mit „Langzeiteffekt“! Die ukrainischen Schüler tragen auch nach Monaten noch voller Stolz ihre „türkischen“ T-Shirts und plötzlich es gibt am Selwinskij-Gymnasium drei gut besuchte Türkischkurse. Und das obwohl der Unterricht kostenpflichtig ist und am Samstag stattfindet!

Fazit: Mir war es vergönnt einen Schüleraustausch zu erleben, wie er gewinnbringender kaum sein kann. Ukrainische, türkische, russische und tatarische Kulturen treffen aufeinander, respektieren und schätzen sich. Und die deutsche Sprache dient als Kommunikationsgrundlage. Es kann wohl kaum einen besseren Beweis für die fruchtbare und völkerverbindende Arbeit des deutschen Auslandschulwesens geben. Jetzt wartet das Selwinskij-Gymnasium gespannt auf den Gegenbesuch ihrer türkischen Partner und Freunde, der noch im Sommer stattfinden soll. Obwohl man auf der Krim nicht mit einer vibrierenden Metropole wie Istanbul dienen kann, hat die Halbinsel doch mit ihrem einzigartigen Klima, der faszinierenden Natur und ihrer beeindruckenden Geschichte gerade im Sommer und besonders für „smoggeplagte Stadtbewohner“ eine Menge zu bieten. Darüber hinaus möchten die Schüler aus Jewpatoria natürlich beweisen, dass die russische Gastfreundschaft der türkischen in nichts nachsteht.

Bis bald türkische Freunde. Wir freuen uns auf euch!