Deutsch in der Oberstufe

Im vierten Lernjahr einer Fremdsprache fällt es doch noch schwer einen umfangreichen und anspruchsvollen Text zu verfassen, der nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich auf hohem Niveau ist.
Was mich diesbezüglich immer wieder positiv überrascht, ist die Sprachkompetenz, die Schülerinnen und Schüler des Istanbul Lisesi auf dem Weg zum deutschen Abitur erwerben.
Als anschauliches Beispiel möchte ich kurz aus einer Klausur einer Schülerin zitieren, die sich in ihrem vierten Lernjahr Deutsch (Klasse: 11, Alter: 17) mit Sprach- und Kommunikationstheorien befasst. Als Hilfsmittel wurde in der Klausur ein Wörterbuch zur Verfügung gestellt:

Aufgabenteil II
„In dem Textauszug aus Lewis Carrolls Roman „Alice hinter den Spiegeln” geht es um die Kommunikationssituation von Alice und Googlemoggle. Als sich Alice und Googlemoogle über Geburtstage unterhalten, benutzt Googlemoogle ein Wort im falschen Kontext. Deshalb kann Alice ihn nicht verstehen und fragt noch einmal nach, was er meint. Er belehrt sie in seinem „hochmütigen Ton” (Zeile 41) und sagt, dass es beim Gebrauch eines Wortes „richtig” (Z. 42) und ganz normal sei, sich eine beliebige Bedeutung auszudenken. Dann wendet Alice ein, indem sie fragt, ob man das ohne weiteres machen darf.
De Saussure definiert das sprachliche Zeichen als die Verknüpfung eines Lautbildes mit der Vorstellung. Also gibt es zwei Ebenen: Lautbild (Ausdrucksseite) und Vorstellung (Inhaltsseite). Die Beziehung dieser Ebenen ist konventionell, sie sind also gesellschaftlich festgelegt. Deswegen ist die Wortbildung nicht willkürlich.
Hier verwendet Googlemoogle Worte in einem seltsamen Zusammenhang, die eigentlich eine andere Bedeutung haben. Deswegen ist es schwer für Alice ihn zu verstehen. Wenn er „Glocke” (Z. 35) sagt, hat sie eine Vorstellung, nämlich die einer uns bekannten Glocke. Aber diese Vorstellung stimmt nicht mit Googlemoogles Vorstellung überein. Er meint nämlich einen „einmalig schlagende(n) Beweis” (Z. 38).
Die Kommunikation wird kompliziert, weil sie ihn nicht versteht. Es entsteht ein Kommunikationsproblem. Er ordnet den Vorstellungen andere Lautbilder zu, indem er sich ganz willkürlich herausnimmt, den Worten neue Bedeutungen zu geben. Die Problematik besteht schließlich darin, dass sie sich nicht verstehen können.
Man kann Wörter nicht einfach etwas anderes heißen lassen. Die Wortbildung ist nicht arbiträr, also willkürlich. Die Beziehung zwischen Lautbild und Vorstellung ist konventionell. Wenn man das passende Lautbild einer Vorstellung verändert, führt das zu Unverständnis bzw. Missverständnissen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die wirkliche Verständigung zwischen Menschen nicht möglich ist, wenn sie den gleichen Lautbildern verschiedene Vorstellungen zuordnen (…).” (Klausur von Rezan I.)

Das wissenschaftspropädeutische Arbeiten anhand von Originaltexten wird hier eingeübt; das Zitieren, das Anwenden und Beleuchten von Theorien und das selbstständige und begründete Positionieren zählen hier zu den Kompetenzen, die die Schülerin dieser Oberstufe erlangt hat. Der absolut kompetente Umgang mit einer fast fehlerfreien Fremdsprache befähigt sie dazu, komplexe Inhalte verständlich darzustellen, zu reflektieren und zu transferieren. Noch eins sei gesagt: Diese Klausur ist kein Einzelfall. 
(Aylin Yavuz)