Deutschsprachige Schülerzeitung am IEL

Wir sind stolz dar­auf, euch mit­zu­tei­len, dass die ers­te deut­spra­chi­ge Schü­ler­zei­tung unse­rer Schu­le gegrün­det ist. Wir ermu­ti­gen jeden Schüler/jede Schü­le­rin sowie alle Leh­re­rIn­nen dazu, sich mit zwei­fel­los inter­es­san­ten Bei­trä­gen bis Ende Mai 2018 an uns zu wen­den, um einen Platz in der Schü­ler­zei­tung zu haben. Gespannt wer­den wir auf eure Arti­kel war­ten!

Deutschunterricht am Istanbul Erkek Lisesi

Der Deutsch­un­ter­richt am Istan­bul Lise­si hat mit der Auf­nah­me von 22 deut­schen Leh­rern bereits im Jahr 1914 eine sehr lan­ge Tra­di­ti­on. Nach dem 2.Weltkrieg wur­de und wird seit 1957 Deutsch als 1. Fremd­spra­che unter­rich­tet, Deutsch ist die Unter­richts­spra­che in Mathe­ma­tik und den natur­wis­sen­schaft­li­chen Fächern. Gegen­wär­tig, seit der Schul­re­form in der Tür­kei, bei der die 5‑jährige Grund­schul­zeit auf acht Jah­re erhöht wur­de, hat das Istan­bul Lise­si nur noch fünf Jah­re Deutsch­un­ter­richt anstatt wie frü­her acht Jah­re.

Die ers­te Klas­se, die Hazir­lik, ist eine Ein­füh­rungs­klas­se, die haupt­säch­lich dem Erwerb der neu­en Fremd­spra­che dient. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler wer­den in ein regel­rech­tes Sprach­bad getaucht – sie haben 20 Stun­den Deutsch­un­ter­richt in der Woche und zusätz­lich Mathe­ma­tik und Natur­wis­sen­schaf­ten auf Deutsch. Von den 20 Stun­den Deutsch­un­ter­richt wer­den 10 von deut­schen Leh­rern und Leh­re­rin­nen erteilt und die ande­re Hälf­te von tür­ki­schen Kol­le­gen. Die soge­nann­ten deutsch-tür­ki­schen Tan­dems unter­rich­ten in bei­der­sei­ti­ger Abspra­che nach dem Lehr­werk „Men­schen“ bis zur Niveau­stu­fe B1. Wäh­rend im Unter­richt des Mut­ter­sprach­lers die Aus­spra­che, die Into­na­ti­on, das Lesen und das freie Spre­chen im Vor­der­grund ste­hen, wer­den bei den tür­ki­schen Leh­re­rin­nen auch mut­ter­sprach­li­che Erklä­run­gen zum Voka­bu­lar und vor allem zu den sprach­li­chen Struk­tu­ren und der Gram­ma­tik gege­ben. Die Fort­schrit­te, die die Schü­ler und Schü­le­rin­nen machen, sind bei einem so inten­si­ven Unter­richt rasant. Nach zwei Mona­ten Sprach­un­ter­richt kön­nen sie schon sehr viel spre­chen und gehen sou­ve­rän mit ihrem Wör­ter­buch um. Wich­tig ist dabei, den Unter­richt immer wie­der zu vari­ie­ren, damit kei­ne Ein­tö­nig­keit auf­kommt und auch schwä­che­re Schü­ler mit­zu­zie­hen und zu moti­vie­ren, damit sie bei dem Tem­po nicht den Anschluss ver­lie­ren.

In der 9. Klas­se blei­ben die Tan­dems bestehen. Hier wer­den 5 Stun­den Deutsch von Deut­schen unter­rich­tet und 4 Stun­den von Tür­ken. Die 9. Klas­se wird nach dem Lehr­werk „Stu­dio B“ bis zum frü­hen C1-Niveau unter­rich­tet. Nach den lan­gen Som­mer­fe­ri­en knüp­fen die Schü­le­rin­nen und Schü­ler erst all­mäh­lich wie­der an ihre bis­her erlang­ten Kennt­nis­se an. Die ers­te Begeis­te­rung für die neue Spra­che muss wie­der­be­lebt wer­den. Die Fort­schrit­te wer­den lang­sa­mer und müh­sa­mer. Ande­re Fächer neh­men jetzt brei­te­ren Raum ein und zie­hen Ener­gien vom Deutsch­un­ter­richt ab.

Die 10. Klas­se ist wich­tig als Über­gangs­stu­fe vom rei­nen Sprach­er­werb zum Ober­stu­fen­un­ter­richt in den Klas­sen 11 und 12. Hier wer­den fünf Stun­den Deutsch­un­ter­richt erteilt. Von nun an wer­den sie mit dem Lehr­werk „P.A.U.L. Ober­stu­fe“ unter­rich­tet.

Ab der 11. Klas­se gel­ten die Unter­richts­in­hal­te der Ober­stu­fe in Deutsch­land. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler haben zwei Mög­lich­kei­ten für einen deut­schen Abschluss. Sie kön­nen in der 12. Klas­se das DSD II, das deut­sche Sprach­di­plom erwer­ben oder das Abitur anstre­ben. Das Sprach­di­plom ist der Nach­weis für gute Deutsch­kennt­nis­se. Soll­te ein Schüler/eine Schü­le­rin in Deutsch­land stu­die­ren wol­len, wer­den mit dem DSD II aus­rei­chen­de Deutsch­kennt­nis­se beschei­nigt, die eine Sprach­prü­fung obso­let machen. Das bestan­de­ne Abitur macht tür­ki­sche Schü­ler und Schü­le­rin­nen zu sog. Bil­dungs­in­län­dern, d.h. sie haben die glei­chen Vor­aus­set­zun­gen wie deut­sche Schü­ler und Schü­le­rin­nen für das Stu­di­um an deut­schen Hoch­schu­len. Gleich­zei­tig ermög­licht es ihnen einen Zugang zu vie­len euro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten, die das Abitur aner­ken­nen. Seit dem Schul­jahr 2016/17 ist auch der Dop­pel­ab­schluss am Istan­bul Lise­si mög­lich, da immer mehr Uni­ver­si­tä­ten neben dem Abitur auch das Sprach­di­plom als Zugangs­vor­aus­set­zung ver­lan­gen.

Da der größ­te Teil der Schü­le­rin­nen und Schü­ler am Istan­bul Lise­si FEN ori­en­tiert ist, d.h. einen mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Abschluss anstrebt, und gera­de die­se wesent­li­chen Fächer auf Deutsch unter­rich­tet wer­den, kommt dem Deutsch­un­ter­richt an der Schu­le eine ganz zen­tra­le Funk­ti­on zu, die weit über den rei­nen Fremd­spra­chen­er­werb hin­aus geht. Der Deutsch­un­ter­richt ist die Grund­la­ge, um das Istan­bul Lise­si in allen deut­schen Fächern erfolg­reich zu absol­vie­ren.

Geschrie­ben von Eva Aydın

Deutsch lernen am Istanbul Lisesi

Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Vor­be­rei­tungs­klas­sen ler­nen nicht nur her­vor­ra­gend Deutsch, son­dern erwer­ben auch wich­ti­ge Arbeits­me­tho­den. Hier fin­den sich eini­ge Bei­spie­le für Mind-Maps. Das brei­te Spek­trum der metho­di­schen und fach­li­chen Kom­pe­ten­zen zei­gen auch die wei­te­ren Bei­trä­ge des Fach­be­reichs Deutsch, der ande­ren Fach­be­rei­che und des Päd­ago­gi­schen Qua­li­täts­ma­nage­ments am Istan­bul Lise­si.

Deutsch in der Oberstufe

Im vier­ten Lern­jahr einer Fremd­spra­che fällt es doch noch schwer einen umfang­rei­chen und anspruchs­vol­len Text zu ver­fas­sen, der nicht nur inhalt­lich, son­dern auch sprach­lich auf hohem Niveau ist.
Was mich dies­be­züg­lich immer wie­der posi­tiv über­rascht, ist die Sprach­kom­pe­tenz, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler des Istan­bul Lise­si auf dem Weg zum deut­schen Abitur erwer­ben.
Als anschau­li­ches Bei­spiel möch­te ich kurz aus einer Klau­sur einer Schü­le­rin zitie­ren, die sich in ihrem vier­ten Lern­jahr Deutsch (Klas­se: 11, Alter: 17) mit Sprach- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rien befasst. Als Hilfs­mit­tel wur­de in der Klau­sur ein Wör­ter­buch zur Ver­fü­gung gestellt:

Auf­ga­ben­teil II
„In dem Text­aus­zug aus Lewis Car­rolls Roman „Ali­ce hin­ter den Spie­geln” geht es um die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on von Ali­ce und Goog­le­mogg­le. Als sich Ali­ce und Goog­le­moog­le über Geburts­ta­ge unter­hal­ten, benutzt Goog­le­moog­le ein Wort im fal­schen Kon­text. Des­halb kann Ali­ce ihn nicht ver­ste­hen und fragt noch ein­mal nach, was er meint. Er belehrt sie in sei­nem „hoch­mü­ti­gen Ton” (Zei­le 41) und sagt, dass es beim Gebrauch eines Wor­tes „rich­tig” (Z. 42) und ganz nor­mal sei, sich eine belie­bi­ge Bedeu­tung aus­zu­den­ken. Dann wen­det Ali­ce ein, indem sie fragt, ob man das ohne wei­te­res machen darf.
De Saus­su­re defi­niert das sprach­li­che Zei­chen als die Ver­knüp­fung eines Laut­bil­des mit der Vor­stel­lung. Also gibt es zwei Ebe­nen: Laut­bild (Aus­drucks­sei­te) und Vor­stel­lung (Inhalts­sei­te). Die Bezie­hung die­ser Ebe­nen ist kon­ven­tio­nell, sie sind also gesell­schaft­lich fest­ge­legt. Des­we­gen ist die Wort­bil­dung nicht will­kür­lich.
Hier ver­wen­det Goog­le­moog­le Wor­te in einem selt­sa­men Zusam­men­hang, die eigent­lich eine ande­re Bedeu­tung haben. Des­we­gen ist es schwer für Ali­ce ihn zu ver­ste­hen. Wenn er „Glo­cke” (Z. 35) sagt, hat sie eine Vor­stel­lung, näm­lich die einer uns bekann­ten Glo­cke. Aber die­se Vor­stel­lung stimmt nicht mit Goog­le­moo­g­les Vor­stel­lung über­ein. Er meint näm­lich einen „ein­ma­lig schlagende(n) Beweis” (Z. 38).
Die Kom­mu­ni­ka­ti­on wird kom­pli­ziert, weil sie ihn nicht ver­steht. Es ent­steht ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem. Er ord­net den Vor­stel­lun­gen ande­re Laut­bil­der zu, indem er sich ganz will­kür­lich her­aus­nimmt, den Wor­ten neue Bedeu­tun­gen zu geben. Die Pro­ble­ma­tik besteht schließ­lich dar­in, dass sie sich nicht ver­ste­hen kön­nen.
Man kann Wör­ter nicht ein­fach etwas ande­res hei­ßen las­sen. Die Wort­bil­dung ist nicht arbi­trär, also will­kür­lich. Die Bezie­hung zwi­schen Laut­bild und Vor­stel­lung ist kon­ven­tio­nell. Wenn man das pas­sen­de Laut­bild einer Vor­stel­lung ver­än­dert, führt das zu Unver­ständ­nis bzw. Miss­ver­ständ­nis­sen. Zusam­men­fas­send lässt sich sagen, dass die wirk­li­che Ver­stän­di­gung zwi­schen Men­schen nicht mög­lich ist, wenn sie den glei­chen Laut­bil­dern ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen zuord­nen (…).” (Klau­sur von Rezan I.)

Das wis­sen­schafts­pro­pä­deu­ti­sche Arbei­ten anhand von Ori­gi­nal­tex­ten wird hier ein­ge­übt; das Zitie­ren, das Anwen­den und Beleuch­ten von Theo­rien und das selbst­stän­di­ge und begrün­de­te Posi­tio­nie­ren zäh­len hier zu den Kom­pe­ten­zen, die die Schü­le­rin die­ser Ober­stu­fe erlangt hat. Der abso­lut kom­pe­ten­te Umgang mit einer fast feh­ler­frei­en Fremd­spra­che befä­higt sie dazu, kom­ple­xe Inhal­te ver­ständ­lich dar­zu­stel­len, zu reflek­tie­ren und zu trans­fe­rie­ren. Noch eins sei gesagt: Die­se Klau­sur ist kein Ein­zel­fall. 
(Aylin Yavuz)